Logistica Management interviewt Marcello Corazzola
Marcello Corazzola, Board Member und Managing Director der Gruppe, wurde von der Fachzeitschrift Logistica Management im Rahmen der Ausgabe 2024 der „Inchiesta Logistica“ interviewt.
Gesamtszenario
Frage: Im Allgemeinen stellt sich das Szenario zweifellos als komplex dar – Kriege, internationale Krisen, Ressourcenknappheit, Dynamiken in den globalen Lieferketten… Wie würden Sie die Situation aus Ihrer Perspektive beschreiben? Welche Hindernisse traten im Laufe des Jahres 2023 auf? Welche Aspekte haben hingegen positive Impulse oder neue Chancen gebracht? Wie haben sich diese in den letzten Jahren entwickelt? Und mit welchen Aussichten beginnt das Jahr 2024? Haben wir durch die Krisen eine neue Normalität erreicht?
„Das vergangene Jahr war sicherlich schwierig und anspruchsvoll. Wir haben verschiedene Phasen durchlaufen. Nach einem guten Start, der auf eine Fortsetzung des positiven Trends von 2022 hoffen ließ, ging das Frachtaufkommen am Markt spürbar zurück. Zu dieser Marktinstabilität kamen allgemein bekannte Herausforderungen wie der Mangel an Lagerfachkräften und Berufskraftfahrern hinzu, was die Lage zusätzlich erschwerte.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass GRUBER Logistics im Jahr 2022 seinen Umsatz erheblich gesteigert und Universal Transport übernommen hat – ein deutsches Transportunternehmen mit mehr als zwanzig Niederlassungen in verschiedenen, teils auch außereuropäischen Ländern. 2023 war für uns daher ein besonderes Jahr, in dem wir einerseits die aktuelle Marktsituation bewältigen und uns andererseits intensiv dem Integrationsprozess widmen mussten. Die Neuausrichtung der eigenen Struktur und die Durchführung einer solch bedeutenden Integration lassen sich nicht innerhalb eines einzigen Jahres abschließen; daher werden wir dieses Engagement auch 2024 mit voller Kraft fortsetzen.
Auch wenn Veränderungen herausfordernd sind, bergen sie stets große Chancen – insbesondere durch neue Beziehungen, die sowohl unter Kollegen als auch zu neuen Kunden entstehen. Wir erwarten kein einfaches Jahr 2024. Wir treten nicht in eine Phase der ‚Normalität‘ im Sinne von ‚Ruhephase‘ ein, sondern sind davon überzeugt, dass der ständige Wandel die neue Normalität ist. Dass wir als GRUBER Logistics unseren Umsatz in nur drei Jahren verdoppeln konnten, verdanken wir der Tatsache, dass wir früher als andere erkannt haben, dass sich die Spielregeln geändert haben und eine Rückkehr zum stabilen Wachstum früherer Jahre so schnell nicht erfolgen wird.“
— Marcello Corazzola
Logistik und Gesellschaft
Frage: Galt die Logistik bis vor kurzem noch als die große Unbekannte unserer Wirtschaft, wandelt sich dieses Bild heute zusehends. Immer modernere oder größere Lagerstandorte in unmittelbarer Nähe zu den Ballungsräumen; Letzte-Meile-Services, an denen sich die Glaubwürdigkeit von Marken entscheidet; und nicht zuletzt die Entwicklungen der Pandemiejahre mit dem rasanten Wachstum des E-Commerce in allen Branchen. Teilen Sie diesen Eindruck einer gestiegenen Wahrnehmung? Und wie wollen Sie diese Beziehung weiter stärken oder vertiefen, um die Logistik unter verschiedenen Gesichtspunkten – Arbeitswelt, technologischer Fortschritt, Stadtplanung und Verkehrsinfrastruktur – noch enger mit der Gesellschaft zu verknüpfen?
„Der Logistiksektor bleibt in vielerlei Hinsicht nach wie vor ‚unscheinbarer‘ und wird seltener thematisiert, als es angemessen wäre. Für die meisten Menschen findet der Berührungspunkt mit der Logistik erst dann statt, wenn ein Paket an der Haustür ankommt – was dahintersteckt, bleibt völlig verborgen. Dass die Logistik als gesellschaftlich fern wahrgenommen wird, liegt jedoch zu einem guten Teil an der Branche selbst.
Öffentliche Debatten über Logistik richten sich meist ausschließlich an Fachleute, wodurch ein breiteres Verständnis in der Bevölkerung verhindert wird. Ein Paradigma, das wir bei GRUBER Logistics aufbrechen wollten, indem wir das Thema Logistik in Theaterhäuser und auf Kulturfestivals gebracht haben. Das ganze Jahr über haben wir Veranstaltungen organisiert und daran teilgenommen, bei denen zentrale Logistikthemen mit jungen Menschen und der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden, um ein fundiertes allgemeines Bewusstsein für die Logistik zu schaffen.“
— Marcello Corazzola

Logistik, Personal und Legalität
Frage: Die Logistik ist eine personalintensive Branche: Der Personalbereich wurde über die Jahre hinweg jedoch eher als Ressource betrachtet, die man – teils sogar mit Praktiken am Rande der Legalität – ausbeutet, anstatt sie im Sinne eines echten Unternehmenswachstums zu fördern. Gleichzeitig zeichnet sich auch in der Logistikwelt ein Mangel an Personal ab, das den anfallenden Aufgaben gewachsen ist. Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen? Welche Lösungsansätze halten Sie für wirksamer: einen technologischen Weg beispielsweise oder einen organisatorischen Ansatz? Erscheint Ihnen in diesem Zusammenhang ein Instrument wie das von Assologistica vorgeschlagene „Dashboard“ effektiv, oder gibt es alternative Überlegungen?
“Dass in den Medien immer häufiger über Logistikunternehmen berichtet wird, die sich bei der Personalverwaltung Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen, birgt sowohl negative als auch positive Aspekte. Negativ ist sicherlich das Risiko, dass die Logistik als Ganzes in ein schlechtes Licht gerückt wird – das klassische ‚Alle über einen Kamm scheren‘; positiv hingegen ist, dass dies ein Zeichen des Wandels darstellt.
Es ist undenkbar, dass die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre Logistik auf einen Preiskampf stützt statt auf den Wert, den die Logistik und die Menschen in der Logistik schaffen. Das Fundament, auf dem aufgebaut werden muss, sind Kontrollen von Unregelmäßigkeiten, die zwingend auch die Auftraggeber einbeziehen müssen – auch im Hinblick auf das entsprechende Medienecho. Von dort aus gilt es, eine wertorientierte Logistik zu fördern, bei der die Menschen im Mittelpunkt der Projekte stehen und Technologie dazu dient, ihre Arbeit einfacher, schneller und sicherer zu machen. Konzepte, die wir bei GRUBER Logistics umzusetzen versuchen, seit wir vor drei Jahren unsere Art der Logistik auch nach Italien gebracht haben.”
— Marcello Corazzola
ESG – Nachhaltigkeit, Menschen, Organisationen
Frage: Wie lautet Ihr Ansatz zur Nachhaltigkeit unter Berücksichtigung der drei Kernaspekte, die im Akronym ESG zusammengefasst sind? Vor dem Hintergrund der Pflicht zum Handeln für eine schrittweise Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft: An welchen Fronten arbeiten Sie und wo rechnen Sie mit den konkretesten Ergebnissen? Wie wollen Sie die wesentlichen Dilemmata im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit lösen?
“Die Entwicklung bei den Nachhaltigkeitsthemen verläuft extrem dynamisch, doch lassen sich nach wie vor zwei grundlegende Ansätze unterscheiden: ‚diejenigen, die handeln‘ und ‚diejenigen, die sich im Reden verlieren‘. Ich glaube, heute ist die Zeit gekommen, den Weg des ‚Handelns‘ einzuschlagen und Ansätze hinter sich zu lassen, die darauf basieren, wer am meisten redet, oder auf Nachhaltigkeitsratings, die sich nur auf Dokumente und nicht auf Substanz stützen.
Gehen wir respektvoll mit unseren Mitarbeitenden um? Engagieren wir uns konkret für eine ökologisch nachhaltigere Logistik? Fördern wir Vielfalt auf greifbare Weise? Das sind Fragen, die wir uns tagtäglich im Bewusstsein stellen, dass Nachhaltigkeit ein Weg kontinuierlicher Verbesserungen ist.
Um nur einige Beispiele zu nennen: Jedes Jahr durchlaufen wir einen Bottom-up-Evaluierungsprozess zum Wohlbefinden unserer Mitarbeitenden; die daraus resultierende Bewertung muss in jeder Niederlassung zu konkreten Verbesserungsmaßnahmen führen. Ein weiteres Beispiel im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit ist, dass wir das einzige italienische Unternehmen sind, das eine eigene Plattform zur Emissionsberechnung implementiert und ein zertifiziertes Insetting-System entwickelt hat. Dadurch sind wir in der Lage, unseren Kunden selbst in Marktsegmenten wie LTL und Sammelgut greifbare Lösungen zur Emissionsreduzierung anzubieten.”
— Marcello Corazzola
